Die Seekarte verdichtet Küstenform, Tiefen, Seezeichen, Gefahren und Verkehrsregeln zu einem maßstäblichen Arbeitsmodell. Sie ist kein Foto der Gegenwart: Wasserstände, wandernde Tiefen, verlegte Tonnen und zeitlich begrenzte Regeln können von der Darstellung abweichen. Navigation verbindet deshalb Karte, aktuelle Berichtigungen und Beobachtung.
Die Seekarte als Arbeitsmodell
Vor der Nutzung werden Kartengebiet, Maßstab, Bezugssystem, Tiefenbezug, Einheit der Tiefenangaben und Berichtigungsstand geprüft. Ein großer Maßstab zeigt ein kleineres Gebiet mit mehr Einzelheiten und ist für Küstennähe geeigneter als eine Übersichtskarte. Elektronische Karten benötigen dieselbe Prüfung; starkes Hineinzoomen erzeugt keine Genauigkeit, die den Quelldaten fehlt.
Positionen sicher ablesen und eintragen
Eine geografische Position besteht aus Breite und Länge. Die Breite wird an den seitlichen Kartenrändern, die Länge am oberen oder unteren Rand abgelesen. Üblich ist die Reihenfolge Breite vor Länge. Nord oder Süd sowie Ost oder West gehören zwingend zur vollständigen Angabe.
- Vom Kartenpunkt waagerecht zur Breitenskala übertragen.
- Grad, Minuten und Minutenbruchteile samt Nord oder Süd notieren.
- Vom Kartenpunkt senkrecht zur Längenskala übertragen.
- Grad, Minuten und Minutenbruchteile samt Ost oder West notieren.
- Die zurückübertragene Position auf Plausibilität prüfen.
Zum Eintragen wird der Ablauf umgekehrt. Zirkel und Kursdreieck werden fein angesetzt, ohne die Karte unnötig zu beschädigen. Die Positionsmarke erhält Uhrzeit und bei Bedarf die Art der Ortsbestimmung.
Beispiel: Eine Position vollständig lesen
Ein Kartenpunkt liegt auf 54°12,6′ N und 010°18,4′ E. Die erste Angabe ist die Breite, die zweite die Länge. Die Minutenbruchteile sind Dezimalteile einer Winkelminute: 0,6′ entsprechen 36 Winkelsekunden, 0,4′ entsprechen 24 Winkelsekunden. Für die übliche Kartenarbeit bleibt die Minuten-Schreibweise meist übersichtlicher.
Beim Eintragen wird zuerst 54°12,6′ N an der seitlichen Skala markiert und als waagerechte Hilfslinie übertragen. Danach wird 010°18,4′ E an der oberen oder unteren Skala markiert und senkrecht übertragen. Der Schnittpunkt ist die gesuchte Position. Eine Gegenprobe liest beide Werte vom gesetzten Punkt erneut ab.
Welche Genauigkeit ist wirklich vorhanden?
Eine Zehntelminute Breite entspricht etwa 0,1 sm beziehungsweise 185 m. Eine scheinbar sehr genaue Digitalanzeige macht eine alte, kleinmaßstäbige oder ungenaue Kartengrundlage nicht genauer. Position, Kartenmaßstab, Messwerkzeug und Aktualität bestimmen gemeinsam, wie eng eine Aussage belastbar ist.
Maßstab und nautische Einheiten
Eine Seemeile umfasst 1.852 Meter. Ein Knoten ist eine Seemeile pro Stunde. Aus Strecke, Fahrt und Zeit lässt sich eine erste Reiseabschätzung bilden; Strom und Wind können Fahrt über Grund und Kurs über Grund jedoch verändern.
Bei einem Maßstab von 1:50.000 entsprechen 2 cm auf der Karte 100.000 cm in der Natur, also 1 km oder rund 0,54 sm. Für nautische Distanzen ist die Breitenskala dennoch der direkte und weniger fehleranfällige Weg. Der Kartenmaßstab hilft vor allem, Darstellungsdichte und erreichbare Messgenauigkeit einzuschätzen.
Beispiel: Strecke, Fahrt und Zeit
Eine Kartenstrecke misst 7,2 sm. Bei einer erwarteten Geschwindigkeit über Grund von 5,4 kn beträgt die Fahrzeit 7,2 ÷ 5,4 = 1,33 Stunden. Der Dezimalrest 0,33 Stunden wird mit 60 multipliziert und ergibt rund 20 Minuten. Die reine Fahrzeit beträgt damit etwa 1 Stunde 20 Minuten. Manöver, Verkehr und Sicherheitsreserve kommen zusätzlich hinzu.
| Größe | Bedeutung | Typischer Fehler |
|---|---|---|
| Breite | Abstand nördlich oder südlich des Äquators | Mit der Länge vertauschen |
| Länge | Abstand östlich oder westlich des Nullmeridians | Ost oder West weglassen |
| Seemeile | Eine Bogenminute Breite | An der Längenskala messen |
| Knoten | Seemeilen pro Stunde | Als Strecke behandeln |
Kartentiefe ist nicht automatisch Wassertiefe
Kartierte Tiefen beziehen sich auf das angegebene Kartennull. Der aktuelle Wasserstand wird nach den für Gebiet und Zeitpunkt gültigen Unterlagen berücksichtigt. Zur verfügbaren Tiefe gehören außerdem Tiefgang, möglicher Seegang, Squat und eine angemessene Sicherheitsreserve.
Kartenzeichen im Zusammenhang lesen
Eine einzelne Tiefenzahl genügt selten. Tiefenlinien, Trockenfallhöhen, Grundbeschaffenheit, Wracks, Sperrgebiete, Tonnen und erläuternde Hinweise bilden zusammen die Situation. Abkürzungen und Symbole werden in der zur Karte gehörenden Zeichenerklärung nachgeschlagen. Bei elektronischen Karten muss die relevante Informationsebene eingeblendet sein; ein ausgeblendetes Objekt ist nicht automatisch bedeutungslos.
Jede Eintragung braucht eine Gegenprobe
Eine Position muss im erwarteten Seegebiet liegen, eine Distanz zum Kartenmaßstab passen und eine Route frei von kartierten Gefahren bleiben. Wo möglich, werden elektronische Position, Sichtbeobachtung, Lotung und Peilung gegenseitig geprüft.
Auf dieser Kartenbasis erklärt Kurse und Peilungen die Arbeit mit Richtungen.