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Navigation · Törnplanung

Gezeiten und Route mit Reserven planen

Wissensatlas öffnenNavigation und Törnplanung

Eine Route ist mehr als eine Linie zwischen Start und Ziel. Sie muss zu Boot, Crew, Wetter, Wasserständen, Strömung, Tageslicht und verfügbaren Ausweichmöglichkeiten passen. Eine belastbare Planung nennt nicht nur den Wunschablauf, sondern auch Grenzen und Alternativen.

Gezeiten als Zeit- und Tiefenproblem

Gezeiten beeinflussen den Wasserstand und können Strömungen erzeugen. Beide Größen hängen zusammen, sind aber nicht identisch: Die Zeit des Hochwassers ist nicht automatisch die Zeit der Stromkenterung. Für Wasserstände werden passende Gezeitentafeln oder amtliche Vorhersagen verwendet; für Strömung gelten die geeigneten Stromunterlagen.

Bei einer Tiefenrechnung werden Kartentiefe, vorhergesagter Wasserstand und örtliche Korrekturen mit Tiefgang und Sicherheitsabstand verglichen. Wetterbedingte Abweichungen, Seegang, Squat und Unsicherheit der Daten verlangen zusätzliche Reserve.

Beispiel: Verfügbare Tiefe und Reserve

Auf der geplanten Linie sind 2,1 m Kartentiefe angegeben. Für den Passagezeitpunkt wird ein Wasserstand von 1,4 m über Kartennull erwartet. Rechnerisch stehen 3,5 m Wasser zur Verfügung. Das Boot hat 1,8 m Tiefgang; zusätzlich werden 0,6 m Sicherheitsabstand und 0,2 m für mögliche dynamische Einflüsse angesetzt. Der Bedarf beträgt 2,6 m, die rechnerische Restreserve 0,9 m.

Diese 0,9 m sind keine Garantie. Unsicherheit der Vorhersage, Seegang, Luftdruck, Windstau, Squat und mögliche Veränderungen des Gewässergrunds müssen zum Revier und Boot passen. Ist eine Eingangsgröße nicht belastbar, wird die Passage verschoben oder eine sichere Alternative gewählt.

Trockenfallhöhe richtig behandeln

Eine unterstrichene Höhenangabe in trockenfallenden Gebieten beschreibt keine Kartentiefe, sondern eine Höhe über Kartennull. Steht dort beispielsweise 0,8 m und beträgt der Wasserstand 2,0 m über Kartennull, bleiben rechnerisch 1,2 m Wasser über dieser Stelle. Tiefgang und Reserve sind davon noch abzuziehen.

Eine Route mit Reserven planen

  1. Boot, Crew, Wettergrenzen und verfügbare Zeit bestimmen.
  2. Aktuelle Karten, Revierinformationen, Warnnachrichten und Gezeitendaten prüfen.
  3. Gefahren, Verkehrssysteme, Tiefen und geschützte Bereiche markieren.
  4. Wegpunkte an sicheren, eindeutig kontrollierbaren Stellen setzen.
  5. Fahrt, Strom und Abdrift zu Kursen und erwarteten Zeiten verbinden.
  6. Ausweichhäfen, Umkehrpunkte und Abbruchkriterien festlegen.

Zeitfenster statt einzelner Uhrzeit

Eine geplante Ankunft ist eine Prognose. Wind, Seegang, Verkehr und Crewbelastung verändern die Fahrt. Kritische Passagen werden deshalb als Zeitfenster mit frühester und spätester sicherer Passage betrachtet. Vor dem Eintritt wird geprüft, ob die reale Reiseentwicklung noch innerhalb dieses Fensters liegt.

Beispiel: Rückwärts vom kritischen Punkt planen

Bis zu einer flachen Passage sind 24 sm zurückzulegen. Mit 5,2 kn erwarteter Geschwindigkeit über Grund beträgt die reine Fahrzeit 24 ÷ 5,2 = 4,62 Stunden, also rund 4 Stunden 37 Minuten. Muss die Passage spätestens um 16:10 Uhr erreicht sein, läge der rechnerisch späteste Start bei 11:33 Uhr. Werden 35 Minuten Reserve für Verkehr, Manöver und langsamere Fahrt vorgesehen, wird 10:58 Uhr zur spätesten geplanten Ablegezeit.

Die Rechnung wird an Kontrollpunkten aktualisiert. Sind nach zwei Stunden erst 9 statt der erwarteten rund 10,4 sm geschafft, darf die verlorene Zeit nicht stillschweigend aus der Reserve verschwinden. Neue Ankunftszeit, Wasserstand und vorbereitete Alternative werden erneut bewertet.

ReserveSchützt gegenKontrolle unterwegs
TiefeWasserstandsfehler, Seegang, SquatLotung und Wasserstand
ZeitLangsamere Fahrt, WartezeitenSoll-Ist-Vergleich an Kontrollpunkten
Kraftstoff und EnergieUmwege, Gegenstrom, SystembedarfVerbrauch und verbleibende Reichweite
CrewMüdigkeit, Kälte, SeekrankheitWachfähigkeit und Belastung

Strom in Kurs und Geschwindigkeit einbeziehen

Stromrichtung und -geschwindigkeit werden für Ort und Zeit abgeschätzt. Zusammen mit der Fahrt durchs Wasser ergeben sie Kurs und Geschwindigkeit über Grund. Da Vorhersagen und tatsächliche Bedingungen abweichen können, wird die Rechnung durch Positionskontrollen aktualisiert.

Die Stärke eines Gezeitenstroms darf nicht pauschal aus dem Wasserstand abgeleitet werden. Stromatlas, Stromtafeln oder geeignete amtliche Vorhersagen nennen Bezugszeiten und Richtungen. Wo Zwischenwerte erforderlich sind, wird das zur jeweiligen Unterlage gehörende Verfahren verwendet; eine starre Faustformel ist nicht für jedes Revier geeignet.

Beispiel: Stromwirkung in die Etappe einbauen

Eine Etappe soll nach Osten führen. Das Boot macht 6 kn durchs Wasser, ein südsetzender Strom wird mit 2 kn erwartet. Ohne Gegenhalten läge der Kurs über Grund südlich der geplanten Linie. Das Stromdreieck ergibt für dieses vereinfachte Beispiel einen vorzuhaltenden Kurs durchs Wasser von ungefähr 071° und rund 5,7 kn über Grund. Für 11,4 sm wären damit etwa zwei Stunden anzusetzen. Die Konstruktion wird unter Koppeln und Versetzung vollständig erklärt.

Der Plan wird unterwegs weitergeführt

Zu jedem Kontrollpunkt gehören erwartete Zeit, Position, Tiefe und erkennbare Merkmale. Abweichungen werden nicht nur dokumentiert, sondern bewertet: Ist die Ursache verstanden? Bleibt die nächste Passage sicher? Muss die Route, Geschwindigkeit oder das Ziel geändert werden?

Abbruchkriterien vor Abfahrt: Wenn Mindesttiefe, Sicht, Wettergrenze, Crewfähigkeit oder spätestes Zeitfenster nicht mehr eingehalten werden können, greift die vorbereitete Alternative.

Informationen für die Crew

Die Crew kennt Ziel, ungefähre Dauer, kritische Passagen, Sicherheitsausrüstung und ihre Aufgaben. Eine Person an Land erhält bei längeren oder anspruchsvollen Törns geeignete Angaben zum Plan und zur erwarteten Rückmeldung. Änderungen werden nachvollziehbar festgehalten.

Für die Reihenfolge aus Kartenkurs, Versetzung und Steuerkompasskurs helfen Koppeln und Versetzung sowie Kompasskorrekturen.

Koppeln und Versetzung verstehen