Ein Mensch-über-Bord-Notfall verbindet Zeitdruck mit hoher Unfallgefahr. Das Ziel ist nicht ein auswendig gelerntes Fahrmuster, sondern eine robuste Prioritätenfolge: Sichtkontakt sichern, Auftrieb geben, Boot beherrschbar halten, Hilfe organisieren und die Person ohne zusätzlichen Unfall aufnehmen.
Die ersten Sekunden entscheiden
- Laut und eindeutig alarmieren, damit die gesamte Crew die Lage erkennt.
- Eine Person zeigt ohne Unterbrechung auf die über Bord gegangene Person.
- Rettungsmittel und sichtbare Markierung zuwerfen, ohne die Person zu treffen.
- Position elektronisch markieren, wenn dies ohne Verzögerung möglich ist.
- Manöver, Aufgaben und gegebenenfalls Notruf sofort organisieren.
Die zeigende Person übernimmt keine Nebenaufgabe. Bei Nacht, Welle oder schlechter Sicht kann der Blickkontakt innerhalb weniger Sekunden verloren gehen. Elektronische Positionsmarken helfen, ersetzen die direkte Beobachtung aber nicht.
Manöver an die Lage anpassen
Das geeignete Rückkehrmanöver hängt davon ab, ob unter Segeln oder Motor gefahren wird, wie stark Wind und See sind, wie groß die Crew ist und ob die Person sichtbar und ansprechbar bleibt. Unter Segeln können unterschiedliche Verfahren zweckmäßig sein; unter Motor steht eine kontrollierte Rückkehr mit sicherer Propellerführung im Vordergrund.
Frühzeitig wird entschieden, ob ein Notruf erforderlich ist. Zweifel an schneller eigener Rettung, schlechte Sicht, kaltes Wasser, Verletzung oder kleine Crew sprechen für frühe Alarmierung. Andere Fahrzeuge werden beobachtet und bei Bedarf gewarnt.
Annäherung und Aufnahme
Die Endannäherung soll so langsam erfolgen, dass das Boot kontrollierbar bleibt und die Person nicht überfahren wird. Vor dem unmittelbaren Kontakt muss der Propeller sicher beherrscht sein; je nach Boot und Verfahren wird ausgekuppelt oder die Maschine gestoppt. Wind und Welle sollen das Boot nicht unkontrolliert auf die Person drücken.
Die Aufnahme wird vorab an einer geeigneten Stelle vorbereitet. Niedriges Freibord, Badeleiter, Bergeschlaufe, Talje oder Fall können helfen. Eine erschöpfte oder unterkühlte Person kann nicht zuverlässig selbst klettern. Möglichst waagerechtes und schonendes Bergen reduziert zusätzliche Kreislaufbelastung.
Bergung ist ein Kraftproblem
Eine durchnässte, handlungsunfähige Person lässt sich an hohem Freibord kaum allein mit Armkraft anheben. Schon vor der Annäherung wird deshalb entschieden, welche Bergestelle und welches Hebemittel verfügbar sind. Ein Fall oder eine Talje darf nur an geeigneten Anschlagpunkten geführt werden; Kopf, Gliedmaßen und Rettungsweste dürfen beim Heben nicht eingeklemmt werden.
Beispiel: Erreicht die Person die Badeplattform, ist das noch keine gesicherte Bergung. Eine Crewperson stellt den Kontakt mit Bergeschlaufe oder Rettungsleine her, eine weitere bedient das vorbereitete Hebemittel, und die Steuerperson hält Propeller und Rumpfbewegung unter Kontrolle. Kann die Person nicht mithelfen, wird ein möglichst waagerechtes Verfahren vorbereitet statt wiederholt an Armen oder Kleidung zu ziehen.
Rettungskette und Funk
Besteht ernste und unmittelbare Gefahr für Leben, wird unverzüglich ein Seenotfall gemeldet. Mit einer DSC-fähigen UKW-Anlage kann der Notalarm auf Kanal 70 ausgelöst werden; die anschließende Mayday-Sprachmeldung erfolgt auf Kanal 16. Wo Mobilfunk zuverlässig verfügbar ist, kann zusätzlich die örtliche Rettungsnummer genutzt werden. Bei Unsicherheit wird die zuständige Rettungsstelle früh kontaktiert. Position, Zeit, Anzahl der Personen, Sichtkontakt, Wetter und eingeleitete Maßnahmen müssen verfügbar sein. Ein Crewmitglied übernimmt Kommunikation und Positionsfortschreibung, ohne die durchgehende Sichtbeobachtung zu unterbrechen.
Nach erfolgreicher Aufnahme wird eine bereits ausgelöste Alarmierung nicht kommentarlos beendet. Die Rettungsstelle erhält den neuen Status und stimmt das weitere Vorgehen ab. Auch scheinbar erholte Personen können nach Kälteeinwirkung medizinische Hilfe benötigen.
Gefahren während der Bergung
- Propeller und Ansaug- oder Ruderbereiche bleiben frei.
- Leinen werden nicht lose im Wasser geführt.
- Hände und Füße geraten nicht zwischen Rumpf und Bergemittel.
- Die Crew sichert sich gegen eigenes Überbordgehen.
- Bei schwerer See wird die Bordbewegung in den Aufnahmezeitpunkt einbezogen.
Versorgung nach der Aufnahme
Nach der Bergung werden Bewusstsein und Atmung geprüft, nasse Kleidung situationsgerecht behandelt und weiterer Wärmeverlust begrenzt. Unterkühlte Personen werden vorsichtig bewegt und medizinischer Rat wird früh eingeholt. Verlauf, Position und Maßnahmen werden dokumentiert; bei fortbestehender Gefahr hat die professionelle Rettungskette Vorrang.
Vorbeugung ist Teil des Manövers
Rettungswesten, Lifelines, sichere Wege an Deck, Beleuchtung, klare Rollen und regelmäßig geübte Abläufe senken das Risiko. Eine Übung nutzt geeignete Übungsmittel statt einer Person im Wasser und berücksichtigt Propeller-, Leinen- und Unterkühlungsgefahren.
Die Rückkehr unter Segeln wird in Segelmanöver koordiniert ausführen vorbereitet.